Po­li­tik & Wirt­schaft

Strom-Dis­coun­ter? Wie Stadt­wer­ke mit der bil­li­ge­ren Kon­kur­renz um­ge­hen

Auf jedem offenen Markt herrscht Konkurrenz – so auch unter den Stromanbietern. Die Stadtwerke müssen sich dabei Strategien im Umgang mit den sogenannten „Discountern“ überlegen. Nicht immer geht es dabei um Abgrenzung.

Ohne Zwei­fel hat sich der Strom­markt in den letz­ten Jah­ren deut­lich ge­wan­delt. Wo vor ei­ni­gen Jah­ren vor­wie­gend noch die Stadt­wer­ke die Ver­brau­cher mit Strom, Gas und Was­ser be­lie­fer­ten, herrscht heu­te ein gna­den­lo­ser Wett­be­werb. Vor al­lem im Hin­blick auf die zahl­rei­chen An­bie­ter, die mit Tiefst­prei­sen die Kun­den an sich bin­den wol­len. Rei­ner Wett­be­werb ist zwar zu­nächst kein Pro­blem, doch die Bil­lig-Kon­kur­renz ar­bei­tet lei­der mit teil­wei­se un­se­riö­sen Mit­teln. Pro­ble­ma­tisch ist es dann, wenn Ver­brau­cher erst zu spät er­ken­nen, was da­hin­ter steckt. Wir be­leuch­ten ge­nau­er die Stra­te­gi­en, mit wel­chen es Stadt­wer­ke ver­su­chen am Markt mit­zu­hal­ten.

De­fi­zi­te der Strom-Dis­coun­ter aus­nut­zen

Dis­coun­ter sind meist preis­lich - vor al­lem auf­grund di­ver­ser Boni ver­spre­chen kaum zu schla­gen. Das müs­sen sich auch die Stadt­wer­ke ein­ge­ste­hen. Aus die­sem Grund will man sich in den meis­ten Fäl­len  dem rei­nen Preis­wett­be­werb ent­zie­hen und auf ein an­de­res Al­lein­stel­lungs­merk­mal set­zen: die re­gio­na­le und de­zen­tra­le Her­kunft der Pro­duk­te. Da­bei gibt es zahl­rei­che Hand­lungs­mög­lich­kei­ten und Stra­te­gi­en, die zur Ab­gren­zung bei­tra­gen sol­len.

1. Mög­lich­keit für Stadt­wer­ke: Kun­den­nä­he und re­gio­na­le Ver­an­ke­rung schaf­fen

Al­lein der Stand­ort ist ein gro­ßer Plus­punkt für die Stadt­wer­ke: die Nähe zum Kun­den kann die Kon­kur­renz kaum ge­währ­leis­ten. Als Ver­brau­cher weiß man, wo die En­er­gie her­kommt und dass man sich si­cher sein kann, dass ei­nem bei auf­kom­men­den Pro­ble­men und Fra­gen ge­hol­fen wird. Vie­le Stadt­wer­ke setz­ten ex­pli­zit auf den Auf­bau und die Pfle­ge von lang­fris­ti­gen Kun­den­be­zie­hun­gen, um sich hier ei­nen Wett­be­werbs­vor­teil zu ver­schaf­fen. Da­mit ein­her­ge­hend gibt es oft auch gro­ßes so­zia­les En­ga­ge­ment vor Ort. Stadt­wer­ke  ver­ste­hen sich da­bei we­ni­ger als rei­ner En­er­gie­an­bie­ter, son­dern oft auch als groß­zü­gi­ger Spon­sor oder Mit­ver­an­stal­ter von lo­ka­len Ver­an­stal­tun­gen oder Fes­ten. Na­tür­lich ist das nicht der aus­schlag­ge­ben­de Vor­teil, es spielt aber durch­aus eine gro­ße Rol­le be­züg­lich der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung von Stadt­wer­ken. Für die Dis­coun­ter sind sol­che fa­mi­liä­ren Ver­bin­dun­gen nicht nur häu­fig gar un­mög­lich zu rea­li­sie­ren, son­dern pas­sen auch nicht ins Pro­fil

Lo­ka­le Ver­an­ke­rung wird auch an­der­wei­tig of­fen­siv ge­nutzt: In den letz­ten Jah­ren ha­ben über­wie­gend in Nord­rhein-West­fa­len bei­spiels­wei­se vie­le Stadt­wer­ke ge­mein­sam eine neue Spar­te oder Kommunen in Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen völlig neue Anbieter gegründet. Da­mit tre­ten die Stadt­wer­ke nicht nur ak­tiv in den Wett­be­werb ein, son­dern nut­zen auch stra­te­gisch den Wett­be­werbs­vor­teil „Kun­den­nä­he“.

2. Mög­lich­keit für Stadt­wer­ke: de­zen­tra­ler Aus­bau und In­ves­ti­tio­nen in neue Ge­schäfts­fel­der

Ne­ben der per­sön­li­chen Ver­an­ke­rung vor Ort, punk­ten die Stadt­wer­ke auch bei der de­zen­tra­len Er­zeu­gung von En­er­gie. Durch Fern­wär­me und Kraft-Wär­me-Kopp­lung kann eine Mög­lich­keit ge­schaf­fen wer­den, En­er­gie vor Ort zu pro­du­zie­ren und die Bür­ger und Bür­ge­rin­nen mit re­gio­na­ler Wär­me und Strom zu be­lie­fern. Nah- und Fern­wär­me kann de­zen­tral Was­ser er­hit­zen und durch Rohr­sys­te­me die Re­gi­on mit Wär­me ver­sor­gen: eine Tech­nik, mit der man sich von über­re­gio­na­len Bil­lig­an­bie­tern ab­gren­zen kann. Laut einer Studie von „Der Neue Kämmerer“ wol­len 72 Pro­zent der Stadt­wer­ke in Zu­kunft In­ves­ti­tio­nen in neue Ge­schäfts­fel­der vor­neh­men. In vie­le Rich­tun­gen soll aus­ge­baut wer­den: die meist be­ab­sich­tig­ten In­ves­ti­tio­nen in den Be­rei­chen En­er­gie­dienst­leis­tun­gen, Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on und Er­zeu­gung aus er­neu­er­ba­ren En­er­gi­en.

3. Mög­lich­keit für Stadt­wer­ke: Lo­ka­le Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner zu­le­gen

Um sich ge­gen die gro­ßen Kon­zer­ne durch­set­zen zu kön­nen, ver­su­chen vie­le Stadt­wer­ke auch Ko­ope­ra­tio­nen mit lo­ka­len Part­nern ein­zu­ge­hen. Mit de­ren Hil­fe kön­nen sich die Kom­mu­nal­ver­sor­ger auf ihre Haupt­ge­schäfts­fel­der kon­zen­trie­ren und Spe­zi­al­ge­bie­te den Ko­ope­ra­ti­ons­part­nern über­las­sen. Vor al­lem wird mit sol­chen Part­nern ko­ope­riert, die ef­fi­zi­en­te, de­zen­tra­le und di­gi­ta­le Lö­sun­gen in Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­len an­bie­ten kön­nen.

Je­des Stadt­werk sucht in­di­vi­du­ell nach Ni­schen zum Aus­bau der Stel­lung in der Re­gi­on – ein Ge­ne­ral­kon­zept gibt es nicht. Den­noch tre­ten die Stadt­wer­ke ge­zwun­ge­ner­ma­ßen auch gleich­zei­tig in Kon­kur­renz mit den eta­blier­ten An­bie­tern, wie In­ge­nieur­bü­ros oder Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men. Doch all die­se In­ves­ti­tio­nen schei­nen oh­ne­hin nicht aus­rei­chend, wenn man be­trach­tet mit wel­chen Tak­ti­ken die Bil­lig­s­trom­an­bie­ter in den letz­ten Jah­ren vor­ge­hen. In den Me­di­en tre­ten im­mer häu­fi­ger Schlag­zei­len auf, wo­nach die Strom-Dis­coun­ter bei Kun­den der Stadt­wer­ke an­ru­fen und sie hin­ter­lis­tig ab­wer­ben wol­len. Auch hier gibt es als in Deutsch­land Hand­lungs­be­darf.

4. Mög­lich­keit für Stadt­wer­ke: Kla­gen ge­gen un­lau­te­ren Wett­be­werb

Schwein­furt, Bie­tig­heim-Bis­sin­gen, Gie­ßen – nur we­ni­ge Bei­spie­le von Stadt­wer­ken, die von un­se­riö­ser Kon­kur­renz hin­ter­gan­gen wur­den. In den letz­ten Jah­ren hat­te die­se im­mer öf­ter ver­sucht, durch un­zu­läs­si­ge Te­le­fon­an­ru­fe und Haus­tür­ge­schäf­te Kun­den ab­zu­wer­ben. Die Kun­den be­rich­ten da­von, nach per­sön­li­chen Da­ten und Strom­zäh­ler­stän­den ge­fragt wor­den zu sein, mit dem Ziel den Per­so­nen ohne ihr Wis­sen ei­nen an­de­ren Ta­rif un­ter­zu­ju­beln. In man­chen Fäl­len mel­de­ten die Strom­kun­den so­gar fal­sche Mit­ar­bei­ter der Stadt­wer­ke an ih­rer Haus­tü­re. An­der­orts wur­den be­wusst er­lo­ge­ne Mel­dun­gen von Preis­er­hö­hun­gen der Stadt­wer­ke ver­brei­tet, um die Kun­den von ei­nem Wech­sel zu über­zeu­gen.

Weil die­se Hand­lun­gen of­fen­sicht­lich un­zu­läs­sig wa­ren, klag­ten vie­le Stadt­wer­ke we­gen un­lau­te­rem Wett­be­werb – und be­ka­men Recht. Da­durch konn­te vor­erst die Wei­ter­füh­rung der Ma­sche un­ter­bun­den wer­den. Trotz­dem be­deu­tet das für die Stadt­wer­ke, im­mer wach­sam sein zu müs­sen.

5. Mög­lich­keit für Stadt­wer­ke: In­for­ma­ti­ons­brie­fe und State­ments zur Auf­klä­rung von Fall­stri­cken

Bei­na­he auf je­der Web­site der ört­li­chen Stadt­wer­ke lässt sich mitt­ler­wei­le ein State­ment oder In­fo­brief fin­den. Durch Auf­klä­rung der Tak­ti­ken und Tricks, die ei­ni­ge Kon­kur­ren­ten ver­wen­den, sol­len die Kun­den von vor­ner­ein er­fah­ren, wer und was hin­ter den neu­nen An­bie­tern steckt.

Wie auf je­dem of­fe­nem Markt, ver­fol­gen nicht alle Ak­teu­re die­sel­ben Stra­te­gi­en. Nach den obi­gen, fai­ren und po­si­ti­ven Me­tho­den han­deln zwar die meis­ten, aber nicht alle Stadt­wer­ke. In un­se­rem nächs­ten Ar­ti­kel wer­den wir da­her die an­de­re Sei­te be­leuch­ten: Mit wel­chen Mit­teln nä­hern sich Stadt­wer­ke even­tu­el­le den Stra­te­gi­en der Bil­lig­kon­kur­renz an?

Quellen:
Arbeitspapier: Bontrup, Marquardt: Chancen und Risiken der Energiewende
Der Neue Kämmerer Studien: Stadtwerke – fit für die Zukunft?
Klage Stadtwerke Schweinfurt
Klage Stadtwerke Bietigheim-Bissingen
Klage Stadt Gießen

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